Für viele Forschende ist die Gründung eines Start-ups ein gewaltiger Sprung, den man nur einmal im Leben wagt. Nicht so für Jan Blochwitz-Nimoth: Für ihn scheint das Gründen vielmehr eine Haltung zu sein. So ließ sein Gründungseifer auch nach dem Verkauf der ersten Ausgründung nicht nach, er mündete im erfolgreichen Fraunhofer-Spin-off Arioso Systems GmbH. Mittlerweile bringt der Physiker seine fachliche und wirtschaftliche Expertise in ein drittes junges Unternehmen ein, beeOLED.
»Packt mich das Thema – will ich mich jahrelang damit beschäftigen?« Eine Frage, die sich der »Seriengründer« Jan Blochwitz-Nimoth immer wieder aufs Neue stellt. Zwei Firmen hat er erfolgreich ins Leben gerufen und bis in die Übernahme durch Konzerne geführt, derzeit sitzt er beim Start-up beeOLED als CEO in der Geschäftsführung. »Mein Antrieb ist weniger das Gründen an sich als vielmehr der Wunsch, eine spannende Technologie voranzubringen und auf dem Markt zu platzieren«, nennt er seine Beweggründe. Da er Arbeit und Lebenszeit einbringt, müsse die Arbeit schließlich Spaß machen. Sein Schlüssel zum Erfolg: Die Begeisterung für das, was er tut.
Natürlich muss die Begeisterung auf tiefes Verständnis treffen, um zum wirtschaftlichen Durchbruch zu führen. Auf ein solches Forschungsverständnis kann Blochwitz-Nimoth unter anderem im Bereich der OLEDs bauen, kurz für Organische Leuchtdioden. Im Gegensatz zu anorganischen Halbleitern sind diese selbstleuchtend, ultradünn und flexibel, mittlerweile werden sie sowohl für Displays in Smartphones, Tablets und hochwertigen Fernsehgeräten als auch für Lichtdesign eingesetzt.
Der erste Akt: Spannende Idee plus passendes Umfeld
»Bei Deep-Tech wie OLEDs ist Vorlaufforschung gefragt – in diesem Fall meine Promotion am Institut für Angewandte Photophysik an der TU Dresden von 1996 bis 2000«, erinnert sich der Physiker. »Dort trafen eine historische Vorprägung der wissenschaftlichen Fotografie auf Erfahrungen im Bereich organischer Materialien und anorganischer Halbleiterphysik. Zudem führte die deutsche Nach-Wende-Zeit dazu, dass wir neues Equipment anschaffen konnten, das exakt zu unseren Bedürfnissen passte. Somit bekam unsere Forschung nochmals einen Push: Wir kamen gefühlt doppelt so schnell voran.« Auf diesem fruchtbaren Boden wuchs die Idee, die Dotierung von anorganischen Halbleitern – eine Basistechnologie der Halbleitertechnik, bei der man dem Isolator Silizium Fremdstoffe wie Phosphor-Ionen beigibt, um ihn leitend zu machen – auf organische Halbleiter zu übertragen. Der Grund für diesen Schritt lag in der damaligen Flächenbegrenzung anorganischer Halbleiter; OLEDs dagegen sollten großflächige Elektronik und Optoelektronik für Solarzellen oder Fernsehdisplays ermöglichen. »Die Idee lag quasi in der Luft – die Motivation dafür kam durchaus auch aus der Industrie. Es entstand ein Gesamt-Weltkontext, in dem organische Halbleiter erforscht wurden. Und kommt Interesse aus verschiedenen Richtungen, ist es naheliegend daran zu arbeiten«, ordnet Blochwitz-Nimoth ein. »Wir wollten Geld in Forschung investieren, die einen Markt und eine Nutzbarkeit für den Menschen hat – weil daraus wieder Jobs und Wirtschaftswachstum entstehen, die die Forschung weiter finanzieren.«
Nicht nur war die passende Idee zur Hand, auch die Umsetzung gelang: Blochwitz-Nimoth konnte die Betriebsspannung von OLEDs in seiner Promotion deutlich senken – ein Novum. »Die Idee der Dotierung erzielte den erhofften Effekt und erhöhte die Leitfähigkeit drastisch. Zudem war das Material zumindest so stabil, dass man nicht gleich die Flinte ins Korn wirft«, schmunzelt er. Damit nahm er dem großen Kritikpunkt den Wind aus den Segeln: Das erhaltene fluffige Material könne niemals stabil sein, die Dotierung würde einfach hindurch- und aus dem Material herauswandern.
»Aus unserer Sicht gab es zwei Möglichkeiten, mit diesen spannenden Forschungsergebnissen umzugehen: Entweder wir werben weiter Forschungsgelder ein, auf die Gefahr hin, dass das Thema irgendwann nicht mehr spannend ist oder es jemand anders in die Anwendung bringt, oder: Wir bringen es selbst auf den Markt und treiben diese Technologie in Deutschland weiter voran«, resümiert Blochwitz-Nimoth. »Man hat was erreicht, denkt strategisch – und wenn Du das passende Umfeld hast, das einem eine Ausgründung oder Kommerzialisierung nahelegt, ist die Idee einer Ausgründung auf dem Tisch. Man könnte dies durchaus als entscheidenden Moment bezeichnen.« All dies traf auf die richtige Situation im Leben des Physikers: Er hatte gerade das Studium beendet und dementsprechend noch kein Geld – was also sollte passieren? »Es brauchte also nicht viel Mut: Das Risiko war zumindest in meiner damaligen Lebenssituation äußerst überschaubar. Kurzum: Wir waren blauäugig genug, es selber zu probieren«, fasst Blochwitz-Nimoth zusammen.
Und so gründete er im Jahr 2001 das Start-up Novaled, als Spin-off aus dem Dresdner Forschungsumfeld. Mit an Bord war auch Prof. Karl Leo: Professor an der TU Dresden und Co-Direktor des Fraunhofer-Instituts für Photonische Mikrosysteme IPMS. Fraunhofer als Brücke zwischen Grundlagenforschung und Industrie nahm den jungen Gründern die letzte Scheu, den Schritt tatsächlich zu gehen: So gab es beispielsweise bereits ein Netzwerk, das das Gründungsteam ein Stück getragen hat – und ihm half, Geld am Kapitalmarkt zusammenzutragen.
Mit Know-how und Patenten gelang das Wachstum des »Firmenkeims«: Über 500 Patente in insgesamt 70 bis 80 Patentfamilien rund um OLED-Displays meldete das Team an. Eine Frage allerdings hielt sich recht lange: Mit welchem Produkt sollte Novaled an den Markt gehen? Mit einem gesamten Display – oder einzelnen Materialien, die für die Displays benötigt werden? »Bis 2007 kristallisierte sich immer stärker heraus, dass es das Material sein wird, das uns zum Erfolg trägt«, sagt Blochwitz-Nimoth. Ein Material, das ab 2011 in den Mobiltelefon-Displays von Samsung steckte – das Novaled-Produkt hatte es in die Massenproduktion geschafft. Ebenfalls im Jahr 2011 erhielt das Gründungsteam den Deutschen Zukunftspreis, für den Übertrag aus Forschung ins Business. In dieser Situation stand die Frage im Raum: Börsengang oder Verkauf? Nachdem sich das Team zunächst beide Wege offenhielt, wurde 2013 der Verkauf an Samsung festgezurrt. Mit Erfolg: Novaled ist nach wie vor einer der Marktführer im OLED-Material-Bereich.
Nun sollten die Mitarbeitenden sich nicht in alle Welt verteilen, daher blieb auch Blochwitz-Nimoth nach dem Verkauf bei Novaled. Diese Zeit erlebte der Gründer als äußerst spannend. Wie tickt Großindustrie hinsichtlich Innovation? Wie organisiert sie sich? Wie werden dort Entscheidungen getroffen? »In dieser Zeit ist mir klargeworden, wie schwierig Breakthrough Innovation und Disruptive Innovation im Kontext einer existierenden Firma sind«, fasst er zusammen. »Short-Term-Innovationen, die den Kunden das nächste Produkt bringen, lassen sich deutlich besser planen und gehen mit viel weniger Risiko einher.« 2017 jedoch hatte Blochwitz-Nimoth genug von OLEDs – ebenso wie von großen Firmen, in denen es ihm zu langsam voranging. Es stand eine »Pause« an, in der er als Berater und Business Angel arbeitete. Doch waren weder Akquise noch One-Man-Show so ganz das Passende. »Das Beratungsgeschäft war nicht mein Komfortbereich«, lässt Blochwitz-Nimoth durchblicken.
Der zweite Akt: Seriengründer fangen immer wieder neu an
Allerdings öffnete sich eine neue Tür. Der ausgründungserfahrene Hermann Schenk, der im Kuratorium des Fraunhofer-Instituts für Photonische Mikrosysteme IPMS saß, kam mit einer Gründungsidee auf Blochwitz-Nimoth zu: Mikrolautsprecher, die zu hundert Prozent aus Silizium bestehen und sich massenhaft und kostengünstig über übliche CMOS-Verfahren im Reinraum fertigen lassen. Dabei sahen die von der Fraunhofer-Zukunftsstiftung finanzierten Forschungen, die Holger Conrad am Fraunhofer IPMS zu diesem Thema durchführte, anfangs eher nach einem Flop aus. »Für die Bewegung der Spiegel wollte ich pie¬zoelektrische Biegeaktoren einsetzen, bin jedoch technologisch auf die Nase gefallen«, erinnert sich Conrad. Er begann also noch einmal von vorne und dachte das System aus der Frustration heraus gänzlich anders. Statt einer klassischen Membranspule nutzte er elektro-kapazitiv angetriebene Wände – heraus kamen besagte Mikrolautsprecher für Hearables und True-Wireless-Earbuds. Kurzum: Die technologische Idee für eine Ausgründung war geboren. Diese stieß bei Schenk und Fraunhofer-Kollege Lutz Ehrig auf Interesse und den Mut zur Gründung. Investoren regten jedoch eine stärkere Aufstellung in Punkto Management an. »Hier kam ich ins Spiel – Hermann hat sich meiner erinnert und mich als Chief Financial Officer ins Boot geholt«, erzählt Blochwitz-Nimoth, bei dem das Thema als Fan von Lautsprechertechnologien ebenfalls auf Begeisterung stieß.
2019 wagte das vierköpfige Team den Schritt in die Gründung: Unterstützt durch Fraunhofer Venture machte die Arioso Systems GmbH ihre ersten Schritte. »Das Gründungsteam war super: Hermann und ich brachten die Erfahrung in puncto Ausgründungen mit, Holger und Lutz den nötigen Drive«, freut sich Blochwitz-Nimoth. »Zudem wird der Schritt zur Gründung leichter, wenn man ihn bereits einmal gegangen ist: Schließlich wird man als erfolgreicher Gründer von der Venture-Capital-Szene deutlich ernster genommen – es kommt leichter zu Kontakten und entscheidenden Gesprächen.« Der erste Schritt der Ausgründung bestand in der Verhandlung des Lizenzvertrages mit Fraunhofer – schließlich musste die zugrundeliegende Technologie von Fraunhofer exklusiv an Arioso Systems lizensiert werden – um parallel mit Risikokapitalgebern die Seed-Finanzierungsrunde zu starten. »Die Erfahrung von mir und Hermann Schenk war äußerst wertvoll: Was braucht eine Firma, um als Gesamtkonstrukt zu funktionieren? Auch die potenzielle Wirtschaftlichkeit der Technologie konnten wir recht gut einschätzen«, erzählt Blochwitz-Nimoth. Bis 2020 waren fünf Investoren gefunden, die Arioso Systems mit 2,6 Millionen Euro finanzierten. Ebenso wie bei Novaled mündete auch diese Ausgründung in einen Verkauf: Bosch Sensortec übernahm das Unternehmen im Jahr 2022, um die Technologie für die globale Konsumelektronik kommerziell nutzbar zu machen. »Dieser Exit war damals naheliegend, weil er die Kräfte eines der innovativsten Anbieter der Mikrolautsprecher-Technologie auf MEMS-Basis mit dem Technologieführer in Sensorlösungen für die Konsumelektronik im Bereich MEMS bündelte. Zudem wurde das Team komplett übernommen«, sagt Blochwitz-Nimoth.
Der dritte Akt: Abgeworben vom Start-up beeOLED
Auch Blochwitz-Nimoths früherer Novaled-Kollege Carsten Rothe tat sich schwer mit den Strukturen einer großen Firma – ihn zog es ebenfalls zu den Breakthrough Innovationen. Im Fall von Rothe drehten sich diese um die Erzeugung von Blautönen in OLEDs. Zwar sind OLEDs in Handys mit etwa 50 Prozent Markdurchdringung bereits Standard, bei größeren Displays wird es dagegen dünn: Hier machen die OLEDs nur knapp fünf Prozent des Display-Marktes aus. Einer der Hauptgründe dafür ist in der Effizienz der Blautöne zu suchen, neben Grün und Rot eine der drei Grundfarben. Denn bislang mangelt es an hocheffizientem und gleichzeitig langlebigem Blau für OLEDs. Um diese Lücke zu schließen, verließ Rothe Novaled und gründete Ende 2020 das Start-up beeOLED – die Seed-Finanzierungsrunde stemmte er mehr oder weniger alleine ohne große Vorerfahrung. »Das war sehr beeindruckend«, bekräftigt Blochwitz-Nimoth. Nach der Übernahme der Arioso Systems durch Bosch lief er Rothe beim High-Tech Gründerfonds Family Day in Bonn über den Weg, der ihn sogleich als Manager für beeOLED anwarb. »Doch bin ich niemand, der anderen die Sachen einfach so vor die Füße wirft: Ich wollte meine Aufgaben bei Bosch sauber übergeben. Daher habe ich die Post-Merger-Integration von Arioso Systems in die Bosch Sensortec noch übernommen: Ich habe die Stundenzahl bei Bosch als Berater über den Zeitraum von einem Jahr langsam heruntergefahren, während ich die Stundenzahl als CEO bei beeOLED dementsprechend steigerte«, erzählt Blochwitz-Nimoth. Die Entscheidung, den erfahrenen Gründer ins Team zu holen, zahlte sich aus: In der Serie-A-Finanzierung warb beeOLED über 13,3 Millionen Euro ein, unter anderen durch den High-Tech Gründerfonds (HTGF), einen engen Fraunhofer-Finanzierungspartner.
Technologisch verfolgt die junge Firma eine sehr differenzierte Technologie, die auf den Ionen seltener Metalle beruht: Sie erzeugen das blaue Licht. Durch molekulares Design, das mittlerweile in über 20 Patentfamilien geschützt ist, merzt das Team die Nachteile dieser Ionen aus, ohne ihre immensen Vorteile zu schmälern. »Das ist irre, was unsere rund 20 Chemikerinnen und Chemiker da erreichen!«, gerät Blochwitz-Nimoth ins Schwärmen. Auch Fertigungsaspekte spielen mit hinein: durch das bessere Blau können die Kunden der beeOLED die OLED-Displays über einfachere Verfahren produzieren – was die Kosten für die Displays senken und ihre Marktdurchsetzung nach oben treiben dürfte.
Blochwitz-Nimoth lässt sich also mit Fug und Recht als Seriengründer bezeichnen. Doch was macht einen solchen aus, wie kommt es zu einem solch ungewöhnlichen Lebenslauf? »Eine große Rolle hat die deutsche Wende mit der darin entstandenen Dynamik gespielt: Dieses ´Anything goes´ war einfach genial für mich. Zudem habe ich familiär eine Vorprägung, offen auf die Welt zuzugehen und zu schauen, welche Möglichkeiten und Chancen sich bieten, um sich zu verwirklichen«, resümiert Blochwitz-Nimoth. Natürlich spiele ebenfalls das passende Gründungsumfeld eine gewichtige Rolle. Diese Flexibilität sei auch nach der Gründung elementar: Stelle sich heraus, dass die Originalidee kein zentraler Schlüssel mehr zum Erfolg ist, hieße es, sich zu bewegen und ein Stück davon zu entfernen. »Aber natürlich sind Gründungserfahrungen stets fallbezogen. Das Wichtigste ist, jungen motivierten Menschen durch Missmanagement nicht die Energie zu nehmen.«